Vor sechzehn Jahren habe ich hier unter „Taxes HowTo – Christian style“ aufgeschrieben, wie ich meine Steuererklärung mache. Hauptsächlich, damit ich im Jahr darauf noch weiß, welche Formulare ich an welches Finanzamt schicken muss. Meine Firma saß damals in Leverkusen, ich wohnte in Hamburg, und auch eine Firma, die gerade praktisch nichts tat, konnte erstaunlich viel Papier produzieren.
Inzwischen sitzt die Firma ebenfalls in Hamburg. Das damalige Problem ist also gelöst. Ich bin von t@x bei WISO Steuer gelandet, die Unterlagen sind weitgehend digital, und man könnte nun vermuten, dass das alles ein bisschen einfacher geworden ist.
Nun.
Andere Leute sammeln Briefmarken
Ich optimiere meine Steuererklärung. Durchaus mit einer gewissen Begeisterung. Wenn am Ende eine fünfstellige Rückzahlung herauskommt, rechne ich ausgesprochen gern aus, was das jetzt für ein Stundenlohn war. Das ist einer der befriedigenderen Momente des Jahres.
Natürlich habe ich das Geld vorher selbst eingezahlt. Das Finanzamt überweist mir keine Prämie für besonders schön ausgefüllte Anlagen. Für meine persönliche Hobbybilanz rechne ich trotzdem gern so. Andere Hobbies kosten schließlich vor allem Geld.
Leider kostet dieses hier auch Zeit. Mehrere Wochenenden, um genau zu sein. Bei mir kommen vier Einkunftsarten zusammen: mein Gewerbe, der Angestelltenjob, Vermietung und Kapitalvermögen. Das ist dann irgendwann mehr als Lohnsteuerbescheinigung übernehmen, Entfernung zur Arbeit eintragen und auf „Fertig“ klicken.
Und als wir das mit der Firma in Hamburg endlich geografisch vereinfacht hatten, fiel uns wieder ein, dass es in der Familie noch ein Stück Wald gibt. In Boverath in der Eifel. Der gehört meiner Mutter, die Land- und Forstwirtschaft landet also in ihrer Erklärung, nicht in meiner. Das alte Spiel mit dem Wohnort hier und der Einkunftsquelle dort findet damit trotzdem weiter statt. Es hat nur innerhalb der Familie den Arbeitsplatz gewechselt.
Aber der Wald ist eigentlich eine andere Geschichte. Steuern schaffen es ja zuverlässig, auch Geschichten miteinander zu verbinden, die man selbst gar nicht unbedingt zusammenbringen wollte.
„PayPal“ ist keine besonders hilfreiche Artikelbeschreibung
Den größten Teil meiner Steuerwochenenden verbringe ich allerdings gar nicht damit, über irgendwelchen besonders exotischen Steuerfragen zu brüten. Ich suche Dinge.
Die Belege für potenzielle Werbungskosten und Betriebsausgaben verteilen sich über Kreditkartenabrechnungen, Girokonto, Inbox, Dropbox und Google Drive. Irgendwo liegt eine Rechnung. Irgendwo anders die dazugehörige Zahlung. Bei Amazon gibt es eine Bestellhistorie, durch die man sich noch einmal durchklicken darf. Und auf dem Kontoauszug steht „PayPal“. Vielen Dank, das grenzt es natürlich erheblich ein.
War das jetzt die Software? Ein Adapter? Ein Geschenk? Warum passt der Betrag nicht zu der Rechnung, die ich gerade gefunden habe? Ach, da waren mehrere Dinge in einer Bestellung. Und eines ging zurück. Schön.
Erschwerend kommt hinzu, dass ich IT beruflich und privat ziemlich ausgiebig lebe. Ein Gerät kann im Kundenlabor landen und am Wochenende zu Hause für ein Projekt gebraucht werden. Eine Software hilft bei der Arbeit, bei der Firma und bei irgendeiner Idee, die ich eigentlich nur mal eben ausprobieren wollte. Kaufen ist einfach. Ein Jahr später noch sauber auseinanderzuhalten, wofür man etwas wie viel verwendet hat, ist die weniger unterhaltsame Hälfte.
Damit ist ein gefundener Beleg noch lange kein fertiger Eintrag. Erst einmal muss ich zuordnen, was privat ist, was zum Job gehört und was in die Firma. Und bei gemischter Nutzung nachvollziehbar auseinanderhalten, welcher Anteil wohin gehört. Dass ich einen Kauf technisch ausgesprochen sinnvoll fand, ist als steuerliche Einordnung leider noch etwas dünn.
Könnte das nicht jemand anders machen?
Ja, darüber habe ich inzwischen ernsthaft nachgedacht. Auch ein lukratives Hobby darf man irgendwann abgeben. Gerade dann, wenn es regelmäßig ganze Wochenenden beansprucht, an denen man auch andere schöne Dinge tun könnte.
Nur verschwindet der vorbereitende Teil dadurch nicht automatisch. Auch ein Steuerberater kann aus einer PayPal-Buchung nicht zuverlässig herauslesen, ob ich gerade ein Lab für ein Kundenproblem gebaut oder privat neue Spielzeuge gekauft habe. Die Unterlagen müssen zusammengetragen werden. Die Zusammenhänge müssen irgendwoher kommen. Und erklären, wofür ich das ganze Zeug tatsächlich benutzt habe, muss am Ende doch wieder ich.
Ich hatte also weniger ein Problem mit WISO als mit dem Weg bis zu einem sinnvoll ausgefüllten WISO.
Dieses Jahr habe ich deshalb etwas anderes ausprobiert.
Nachtschicht für ChatGPT
Ich habe ChatGPT Work mitarbeiten lassen. Mit Zugriff auf die dafür freigegebenen Kontoauszüge, Dropbox, Google Drive, meine Inbox und die übrigen Unterlagen. Belege suchen, Zahlungen und Rechnungen zusammenbringen, die Informationen strukturieren – und anschließend WISO für mich bedienen.
Das war für mich der interessante Schritt: ChatGPT hat nicht nur daneben gesessen und erklärt, was man theoretisch irgendwo eintragen könnte. Es hat WISO tatsächlich ferngesteuert und an der Erklärung gearbeitet.
Ganz ohne mich geht das natürlich weiterhin nicht. Gerade die Frage, warum ich etwas gekauft habe und wie ich es nutze, beantwortet sich nicht allein durch einen hübsch formatierten Rechnungsbetrag. Da muss ich erklären, korrigieren und gelegentlich in die richtige Richtung schubsen. Die fertige Erklärung muss ich mir ebenfalls noch anschauen.
Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich selbst stundenlang Belege zusammensuche und Felder befülle oder nach einer Nacht auf den Zwischenstand schaue, ein paar offene Punkte kläre und die nächste Nachtschicht vorbereite.
Früher war der Rechner bereit und wartete darauf, dass ich am Wochenende endlich Zeit für die Steuer hatte. Jetzt kann er zwischendurch schon einmal arbeiten. Ich finde, das ist eine ausgesprochen faire Weiterentwicklung unserer Beziehung.
Und wenn am Ende in WISO wieder eine Erstattung in der gewohnten Größenordnung steht – zunächst natürlich als Berechnung, nicht als bereits eingegangene Überweisung –, ich dafür aber deutlich weniger eigene Wochenendstunden versenkt habe, gefällt mir das schon sehr.
Hobby hin oder her. Man muss ja nicht jede einzelne Quittung persönlich umdrehen, um sich hinterher über das Ergebnis freuen zu dürfen. Mein ausgerechneter Stundenlohn wird durch weniger eigene Stunden übrigens auch nicht schlechter. Ich habe das sicherheitshalber kurz nachgerechnet.
Und wer hat jetzt bei der Erklärung geholfen?
Eine Frage bleibt allerdings: Muss ich ChatGPT eigentlich bei der Mitwirkung an meiner Steuererklärung angeben? Und falls ja, unter welchem Namen? „Der Kollege aus der Cloud“ klingt vermutlich nicht hinreichend amtlich.
Noch schöner wird die Frage, wo das Abo selbst hingehört. Zum beruflichen Anteil der Steuererklärung? Als Betriebsausgabe zur Unterstützung meiner Firma? Zur Vorbereitung des Pubquiz? Zu meinem Angestelltenjob, weil ChatGPT mir beim Aufbau und bei der Konfiguration von Lab-Umgebungen für Kundenprobleme hilft? Oder anteilig zu all dem und außerdem noch zu Dingen, die nun wirklich privat sind?
Aber das wird ChatGPT sicherlich ganz gut mit sich selbst ausmachen können.
Bei der Steuererklärung im nächsten Jahr.
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