Im Steuerartikel hatte ich beiläufig erwähnt, dass es in unserer Familie einen Wald gibt. So ein Satz, den man hinschreibt und dann erst einmal mit Werbungskosten weitermacht.
Dabei verdient der Wald eigentlich eine eigene Geschichte. Schon deshalb, weil er erheblich angenehmer riecht als eine Steuererklärung.
Wir hätten da noch einen Wald
Anfang 2022 fiel uns mal wieder ein, dass meine Mutter noch ein Stück Wald in der Eifel besitzt. Eine Hälfte hatten wir schon verkauft, die andere nicht. Der Rest war irgendwo zwischen „müsste man sich mal kümmern“ und „ist ja noch da“ abgelegt worden.
Boverath bei Daun. Am Maubach. Dort kommt offenbar auch ein Teil unserer Familie her. Die alte Flurkarte oben gab es ebenfalls. Nur ist eine Linie auf Papier noch kein Spaziergang zwischen den eigenen Bäumen.
Vierzig Jahre lang war niemand aus unserer Familie dort gewesen. Wald gekauft, Wald vergessen. Niemand hätte sagen können: Komm, ich zeige dir mal, welche Bäume uns gehören.
Wir besaßen also einen Wald, wussten aber nicht so richtig, wo. Das muss man auch erst einmal hinbekommen. Normalerweise verliere ich Dinge, die kleiner sind.
Ich wollte ihn kennenlernen. Hinfahren, ansehen, anfassen. Und herausfinden, ob jahrzehntelanges Nichtstun dort inzwischen ein Problem war oder ob sich die Bäume über unsere Zurückhaltung eher gefreut hatten. Als Stadtkind und IT-Mensch war meine Fachkenntnis überschaubar. Ich konnte einen Baum zuverlässig von einem Server unterscheiden. Danach wurde es dünn.
Bei der Recherche entdeckte ich die Privatwaldbetreuung der Landesforsten Rheinland-Pfalz. Fachleute, die privaten Waldbesitzern bei Pflege, Bewirtschaftung und Zukunftsplanung helfen. Und diese Beratung ist kostenlos. Walding ist also ein Game, bei dem einem das Land einen Gratis-Coach zur Seite stellt. Auch wenn die erste Frage lautet: Wo ist eigentlich das Spielfeld?
So landete ich bei Frau Lamour vom Forstamt Daun. Sie kannte sich aus, ich hatte Fragen, und wir verabredeten uns für einen Besuch. In meiner Antwort kündigte ich vorsorglich an, dass der hilflos an der Maubach entlangstreifende Mann vermutlich ich sein würde.
Man soll Fachleuten ihre Arbeit ja möglichst einfach machen.
Wald finden, Wald zeigen, eine Stunde zwischen den Bäumen stehen und gemeinsam überlegen, was man damit anfängt: Für diese ganze Beratung habe ich tatsächlich nichts bezahlt. Und da steht jemand, der Bock auf Wald hat und einem diesen sehr bereitwillig näherbringt.
Frau Lamour hat übrigens auch fotografisch ein Auge für Wald. Wer sich ihre Naturaufnahmen ansieht, versteht schnell, was ich meine. Zum Beispiel „Frische Strahlen!“. Das ist kein Foto unseres Waldes, aber sehr viel Wald fürs Auge. Sie sieht ihn eben auch vor lauter Bäumen.
Ach. Das sind unsere Bäume.
Im Frühjahr 2022 fuhr ich also mitten in der Corona-Zeit in die Eifel. Von Hamburg sind es gut 500 Kilometer bis Boverath. Für „mal eben nach dem Rechten sehen“ durchaus eine ambitionierte Entfernung.
Dann ging es einen matschigen Waldweg entlang. Einatmen. Noch einmal einatmen. Feststellen, dass Luft hier offenbar anders geht als in Hamburg zwischen Straße, Büro und nächstem Termin.
Und irgendwann stand ich da. Am Bach. Vor unserem Wald.
Der war gar nicht so klein, wie „ein Stückchen Wald“ in meinem Kopf geklungen hatte. Vor allem ging er ziemlich weit nach oben. Ich schaute an den Stämmen hoch und versuchte zusammenzubekommen, dass mein Großvater diesen Wald Anfang der fünfziger Jahre gekauft hatte. Nun stand ich vor Bäumen, deren Geschichte bei uns lange vor meiner Geburt angefangen hatte.
Während bei uns mehrere Generationen mit ihrem jeweiligen Leben beschäftigt gewesen waren, hatten diese Bäume einfach weitergemacht.
Wachsen. Stehen. Wald sein.
Eine kleine Unverschämtheit steckt auch darin: Auf der Rechnung meines Großvaters stehen Douglasien. Im Wald stehen Fichten. Bezahlt war also etwas anderes als das, was gepflanzt wurde. Douglasien bestellt, Fichten geliefert. Die Reklamationsfrist dürfte inzwischen eher schwierig werden.
Bis dahin war der Wald vor allem etwas gewesen, das meiner Mutter gehörte. Nun stand ich mittendrin.
Man kann dort tatsächlich einen Baum umarmen und denken: Das ist unser Baum.
Klingt ein bisschen bekloppt. Fühlt sich ziemlich gut an.
Christian macht jetzt Wald
Natürlich blieb es nicht beim Spaziergang. Christian ist Christian, also mussten erst einmal fünf Fachbücher her. Waldplanung, Mischwald, Laubbäume, Bewirtschaftung, Bewertung von Eichen, Holzqualitäten. Ich wollte verstehen, was da steht, was daraus werden kann und wie man so einen Wald eigentlich gestaltet.
Gemeinsam haben wir geplant, was passieren soll: den Bestand pflegen und ihn langfristig zu einem Mischwald entwickeln. Ich war gedanklich schon erstaunlich weit in der künftigen Baumverteilung.
Bei der Gelegenheit lernte ich auch, dass es einen europäischen Kettensägenführerschein gibt. Natürlich überlegte ich kurz, wo ich den machen könnte. Bis meine innere Buchhaltung einwarf, dass dieses Hobby vermutlich erst einmal sämtliche Holzverkaufsgewinne der kommenden zehn Jahre auffressen würde.
Wir reden über 0,6 Hektar. Das klingt nach Landbesitz und ist ziemlich wenig. Für eine Eigenjagd wären grundsätzlich 75 Hektar zusammenhängende Fläche nötig. Bis dahin hätten wir also noch ein kleines Zukaufprogramm vor uns.
Andererseits sind 0,6 Hektar eben auch 6.000 Quadratmeter Wald. Wenn man davorsteht, ist das eine ganze Menge Bäume. Für unseren kleinen Familienwald reicht es jedenfalls sehr gut.
Also haben wir jemanden beauftragt, der mit der Kettensäge tatsächlich umgehen kann. Im Wald wurde aufgeräumt, Holz verkauft, und am Ende kam sogar ein bisschen Geld aufs Konto.
Sobald aus Beratung solche Arbeiten werden, kostet es natürlich Geld: Bäume für den Einschlag markieren, Fachfirmen finden, den Einsatz organisieren und den Holzverkauf abrechnen. Für die beauftragten Leistungen bekommt dann auch Landesforsten etwas. Die Gebühren lagen allerdings erfreulich weit unter den Stundensätzen, die ich aus der IT kenne. Der Gratis-Coach bringt also nicht auch noch kostenlos die Kettensäge mit.
2022 getroffen. 2024 Rendite. Walding ist ein langsames Game.
Danach erst einmal wieder für ein paar Jahre Ruhe. Die größeren Arbeiten denkt man eher in fünf oder zehn Jahren als bis zum nächsten Wochenende. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Nur sollte aus „Ruhe“ nicht wieder „vierzig Jahre vergessen“ werden.
Zum Wald gehört inzwischen auch die Mitgliedschaft im Waldbauverein Daun, samt Fachzeitschrift „Der Waldbesitzer“. Dazu kommt die Pflichtversicherung bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft. Wald kostet also auch dann Geld, wenn er gerade nur herumsteht. Immerhin lassen sich betrieblich veranlasste Kosten steuerlich berücksichtigen. Wir sind schließlich jetzt Waldbauern. Also meine Mutter. Bei „Bauer sucht Frau“ macht sie allerdings nicht mehr mit.
Holz verkaufen oder einfach wachsen lassen?
Bisher ist das gut gegangen. Aber die Sache mit den Fichten ist eben mehr als eine falsche Lieferung aus den fünfziger Jahren. Eine Fichtenmonokultur ist bei Dürre, Borkenkäfern und Sturm ziemlich verwundbar. Douglasien kommen mit Trockenheit häufig besser zurecht; unkaputtbar sind sie deshalb auch nicht. Die nächste Monokultur wäre jedenfalls kein besonders fantasievoller Neustart.
Wenn wir aufforsten und uns stärker kümmern, dann mit verschiedenen Baumarten, die dort auch hingehören. Ein Mischwald, der hoffentlich stabiler wird und mehr Lebensraum bietet. Vielleicht lässt sich dabei auch bessere Holzqualität erzielen. Aber muss aus jedem Baum am Ende die bestmögliche Rechnung werden?
Ich finde auch den Gedanken schön, möglichst viel Holz einfach stehen und weiterwachsen zu lassen. Statt für dienstliche Flüge CO₂-Ablasshandel zu betreiben, könnte ich mich um unseren eigenen kleinen Kohlenstoffspeicher kümmern. Wobei die Bäume natürlich nicht erst meinetwegen angefangen haben, Kohlenstoff zu speichern. Mein Wald macht einen Flug nicht automatisch klimaneutral. Eine Flatrate fürs gute Gewissen wächst dort also leider auch nicht.
Trotzdem: Was soll hier stehen, wenn Emma oder irgendwann die Generation nach ihr den Weg am Bach entlanggeht? Und was können wir heute dafür tun?
Das ist eine ungewohnte Zeitskala. Hier arbeitet man an etwas, dessen Ergebnis andere Menschen erleben werden. Wald ist für die nächste Generation. Und genau deshalb möchte ich mich jetzt darum kümmern.
Gleichzeitig muss dort nicht erst irgendetwas fertig werden, damit der Ort schön ist. Der Bach ist schon da. Die Bäume ebenfalls. Man kann hinfahren, herumlaufen und für eine Weile alles andere ziemlich weit weg sein lassen.
Waldbaden also. Ohne dass man dafür erst einen Aufenthalt mit Anwendungen buchen müsste.
Inzwischen lässt sich so ein Besuch auch wunderbar mit einer Fahrt zu einem Konzert in Luxemburg verbinden. Unterwegs in Boverath anhalten, ein bisschen Wald, ein bisschen Bach, einmal durchatmen. Später darf es dann wieder laut werden.
Und mittlerweile gibt es in unserer Familie eine zweite Person, die weiß, wo dieser Wald ist: meine Stieftochter Emma. Das ist vermutlich die sinnvollste Weitergabe von Familienwissen, die ich dort bisher hinbekommen habe. Einen Ort zeigen, statt irgendwann nur einen Ordner mit Grundstücksunterlagen zu überreichen.
Für mein Erlebnissparbuch ist das jedenfalls eine sehr gute Einzahlung. Ein Ort, der schon vor mir zu unserer Familie gehörte und hoffentlich noch lange nach mir dazugehört.
Irgendwann wird der Wald vermutlich auch in meiner Steuererklärung landen. Und später vielleicht in Emmas.
Bis dahin weiß sie immerhin schon, wo die Bäume zu den Formularen stehen.
Heiter weiter!
C.
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