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Alte Konzertkarten und ein Handyticket vor einer leuchtenden Bühne und jubelndem Publikum, als warme Papierillustration.

Konzertpreise, 20 Jahre später – zwischen Lucky Dip und Schnappatmung

Im Herbst 2006 war mein körpereigener Vorrat an Livemusik offenbar aufgebraucht. Also habe ich hier eine Liste mit Konzertideen veröffentlicht, Preise dazugeschrieben und nach Begleitung gesucht. Rückmeldungen bitte per Mail, ICQ oder Google Talk.

Zwei dieser Kommunikationswege würde ich heute nicht mehr empfehlen. Die Preise hingegen schon.

Schandmaul im Capitol für 25 Euro. Ryan Adams im Docks für 27. Torfrock in der Alsterdorfer Sporthalle für 31. Christina Stürmer für 34 Euro, P!nk für 50. Wobei P!nk damit schon eher das obere Ende meiner damaligen Liste markierte.

Zwanzig Jahre später steht man dann im Londoner Hyde Park und fragt sich, wie aus einer Konzertkarte ein kleiner Haushaltsbeschluss geworden ist.

Böse Zungen behaupten inzwischen, Konzerte seien nicht mein Hobby, sondern meine Persona. Ganz von der Hand weisen kann ich das nicht. Andere sammeln Briefmarken. Ich sammle offenbar Abende, nach denen man am nächsten Morgen ein bisschen zu leise spricht, weil man am Vorabend ein bisschen zu laut mitgesungen hat. Und nein, ich höre nicht „alles“. Aber viel.

Und weil Reisen ja auch ganz schön ist, kann man beides wunderbar miteinander verbinden. Mal London, mal die Niederlande, mal wird aus „Da wollte ich ohnehin irgendwann hin“ plötzlich ein ziemlich konkreter Reiseplan. Dieses Jahr war dann sogar mein erstes Festival dabei. Man muss sich schließlich auch nach zwanzig Jahren Konzertideen noch weiterentwickeln.

Was sich dabei ebenfalls weiterentwickelt hat, ist meine Vorstellung von einem normalen Ticketpreis. Früher stand auf meiner Liste meistens etwas unter 40 Euro. Heute ertappe ich mich bei den größeren Namen eher dabei, über alles unter 60 erfreut zu sein. Die Sechzig war früher die teure Ausnahme und fühlt sich inzwischen öfter wie die Eingangstür an. Nicht bei jeder Band, zum Glück. Aber oft genug, dass man es merkt.

Aber bevor ich jetzt einfach „Früher war alles billiger!“ rufe: Ganz so einfach ist es nicht. Ausgerechnet P!nk verdirbt mir nämlich die schöne Empörung.

Gleiche Band, gleiche Halle – das lässt sich vergleichen

Ein Clubticket von damals mit einem heutigen VIP-Paket im Hyde Park zu vergleichen, wäre ungefähr so sinnvoll wie mein alter Handyvertrag gegen die Kosten eines kompletten London-Wochenendes. Beides irgendwie Kommunikation, aber nun ja.

Also erst einmal zwei ziemlich brauchbare Paare aus der alten Liste:

KonzertDamals auf meiner ListeHeute angebotenRechnerisch pro Jahr
Schandmaul, Capitol Hannover25 € · 200649 € · Februar 2027ca. +3,4 %
Torfrock, Alsterdorfer Sporthalle Hamburg31 € · 200648,50 € · Dezember 2026ca. +2,3 %

Schandmaul im Capitol liegt damit fast beim Doppelten: 96 Prozent mehr. Torfrock in der Sporthalle bei rund 56 Prozent Aufschlag. Dieselben Bands, dieselben Räume, normale Karten statt VIP-Veredelung. Viel näher kommt man mit so einer alten Blogliste vermutlich nicht heran.

Das Verdoppeln klingt erst einmal heftiger als die gut drei Prozent im Jahr. Leider muss man an der Kasse trotzdem die 49 Euro bezahlen und kann nicht freundlich auf den niedrigen jährlichen Durchschnitt verweisen.

Zum Einordnen: Das allgemeine Preisniveau in Deutschland stieg laut Statistischem Bundesamt von 2006 bis 2025 um rund 47 Prozent, im Schnitt etwa zwei Prozent pro Jahr. Torfrock liegt mit seiner jährlichen Steigerung also gar nicht so weit davon entfernt. Schandmaul schon deutlicher darüber. Eine allgemeingültige Konzertinflation lässt sich aus zwei Abenden natürlich nicht bauen. Aber mein Gefühl bekommt wenigstens etwas Boden unter den Füßen.

Und dann war da P!nk für knapp 59 Euro

P!nk in Hannover hat mich 2023 tatsächlich 56 Euro für die Karte gekostet, mit Gebühren waren es 58,90 Euro. Das war ein „Lucky Dip“: Man kaufte erst einmal die Eintrittskarte und erfuhr vor Ort, wo man landete.

Bei mir wurde es der Golden Circle.

Manchmal funktioniert das Universum also doch im Sinne des Kunden.

Gegenüber den 50 Euro aus meiner Liste von 2006 sind die 56 Euro gerade einmal zwölf Prozent mehr. Auf die knapp 17 Jahre verteilt: rund 0,7 Prozent pro Jahr. Selbst mit den Gebühren bleibt es bei ungefähr einem Prozent. Mit der allgemeinen Inflation wären aus den damaligen 50 Euro bis 2023 eher gut 70 geworden.

Das war fair. Sehr fair sogar. Es war allerdings auch Glück und kein regulärer Golden-Circle-Tarif, den man sich für alle künftigen Konzertbesuche bestellen könnte. Sonst hätte ich da vermutlich schon ein Abo.

Christina Stürmer und In Extremo sind auch noch da

Natürlich habe ich auch geschaut, was aus den anderen Namen geworden ist. Christina Stürmer stand damals für 34 Euro auf meiner Liste, unter anderem fürs Docks und das Capitol. Für Frastanz im September 2027 werden inzwischen 65 Euro als Early Bird angeboten. Das ist allerdings ein Open Air in Österreich und keine Wiederholung des damaligen Clubabends. Ein heutiger Preis zum Einordnen, kein sauberer Beweis für eine Verdopplung derselben Leistung.

Bei In Extremo habe ich den Hamburger Stadtpark 2023 noch mit 61,85 Euro pro Stehplatz erlebt. Für Hamburg im April 2027 stehen jetzt 71,50 Euro auf dem Schild. Diesmal aber in der Sporthalle und gemeinsam mit Feuerschwanz. Mehr Geld, ja. Auch ein anderes Paket. Das einfach als reine Inflation abzubuchen, wäre zu bequem.

Es gibt also weiterhin Konzerte, für die man keinen Finanzierungsplan benötigt. Sie verteilen sich nur nicht unbedingt gleichmäßig über meinen Musikgeschmack.

Es muss ja nicht immer Hyde Park sein

Und manchmal muss man dafür auch gar nicht aus Hamburg weg. Für Mammoth mit Florence Black im Grünspan am 5. November lag der angebotene Stehplatzpreis bei Karsten Jahnke zum Beispiel bei 43,25 Euro. Kein 25-Euro-Abend mehr, aber eben auch keine dreistellige Eintrittskarte. Zwischen Kellerclub und Londoner VIP-Bereich liegt glücklicherweise noch einiges.

Wer neue Musik entdecken möchte, statt immer nur den Namen hinterherzureisen, die schon seit zwanzig Jahren in der eigenen Playlist stehen, sollte ohnehin das LOGO und den Bahnhof Pauli im Blick behalten. Und auch im Betty findet man spannende kleinere Shows. Drei Ideen für die nächsten Wochen, mit angebotenen Ticketpreisen unter 39 Euro:

KonzertWann und woTicketpreis
Waylon Wyatt15. November 2026 · LOGO35,20 €
BLACKGOLD22. November 2026 · LOGO28,30 €
mustbejohn22. November 2026 · Betty32,30 €

Waylon Wyatt ist etwas für die Country-Ecke, BLACKGOLD für Freunde von Nu Metal. Also durchaus verschiedene Möglichkeiten, die Ohren einmal aus der Komfortzone zu bewegen. Die Preise sind die ausgeschriebenen Kartenpreise; je nach Anbieter und Versandart kann noch etwas dazukommen. Verfügbarkeit bitte vor dem Loslaufen prüfen.

Und irgendwann kann man dann vielleicht sehr selbstzufrieden erzählen, dass man die schon damals im kleinen Club gesehen hat. Das gehört ja auch zur Persona.

Was ein einzelnes B kostet

Auf der alten Liste steht Ryan Adams: 27 Euro. Meine Karte für Bryan Adams in Hamburg: 106,90 Euro.

Das zusätzliche B kostet damit knapp 80 Euro.

So teuer war Rechtschreibung früher auch nicht.

Natürlich sind das zwei verschiedene Musiker und zwei verschiedene Konzertgrößen. Für einen Preisindex völlig ungeeignet. Für einen schlechten Witz in meinem eigenen Blog hingegen geradezu hervorragend.

Garth Brooks und die Grenzen der Vernunft

Und damit zu dem Abend, den ich im Telekom-Artikel bereits als das teuerste Konzert meines Lebens angekündigt hatte: Garth Brooks in London.

Für das Diamond-VIP-Ticket im Hyde Park waren es mit Ticketgebühren knapp 329 Pfund. Zusammen mit T-Shirt und einer kleinen Spende gingen gut 371 Pfund weg. Flug, Bett und der Rest von London hatten da noch gar nicht angefangen, sich an der Rechnung zu beteiligen.

Das ist natürlich kein Gegenstück zu Schandmaul für 25 Euro im Capitol. Es gibt einfach Namen, bei denen der vernünftige Teil des Gehirns kurz den Raum verlässt. Garth Brooks? „Shut up and take my money.“ Bon Jovi? Ebenfalls: „Shut up and take my money.“ Da ist man dann auch erstaunlich schlecht darin, seine eigenen Spartipps zu befolgen.

Hinterher kommt er wieder rein und fragt, ob das T-Shirt wenigstens schön ist.

Vielleicht sind das auch die Strafgebühren dafür, dass man manche Bands und Künstler seiner Jugend erst jetzt sehen will. Damals lief die Musik, heute läuft die Kreditkarte. Und das beruhigende „Die sehe ich irgendwann noch mal“ funktioniert eben leider nicht unbegrenzt. Aerosmith habe ich verpasst. Das macht einen bei den anderen Namen nicht unbedingt vernünftiger. Eher schneller beim Klicken. Backstreet Boys und Robbie Williams stehen schließlich auch noch aus. Die Liste wird offenbar nicht kürzer, nur die Ausreden werden besser.

Im Telekom-Artikel hatte ich noch überlegt, weniger Musik zu streamen und dafür mehr live zu hören. Als Methode zum Sparen von Datenvolumen mag das durchgehen. Als Methode zum Sparen von Geld würde ich es nach London nur noch eingeschränkt empfehlen.

Mein Vorrat an Livemusik muss trotzdem weiter regelmäßig aufgefüllt werden. Daran hat sich seit 2006 erstaunlich wenig geändert. Ich freue mich über ein Lucky-Dip-Schnäppchen, rechne bei normalen Karten inzwischen kurz nach und rede mir die ganz teuren Abende gelegentlich schön.

Man braucht schließlich Hobbys. Und manchmal offenbar auch ein T-Shirt.

Heiter weiter!

C.

Preisstand: Oktober 2026. Die neuen Angebotspreise beziehen sich auf die jeweils verlinkte Kategorie; zusätzliche Versand- oder Bestellkosten können hinzukommen. Die alte Liste enthielt Preisideen, keine detaillierten Rechnungen. Die jährlichen Steigerungen sind aus Anfangspreis, Endpreis und dem Abstand der Konzerttermine berechnet, keine amtliche Konzertpreisstatistik. Bei P!nk ist der günstige Lucky-Dip-Kauf ausdrücklich die Ausnahme.


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