Nachdem ich hier ausführlich über Konzertpreise und die Strafgebühren für den Musikgeschmack meiner Jugend geschrieben habe, blieb noch ein Gedanke übrig.
Bei Garth Brooks setzt mein vernünftiges Gehirn offenbar kurz aus. Bei Bon Jovi ebenfalls. „Shut up and take my money“ lässt sich erstaunlich leicht sagen, wenn die eigentliche Frage lautet, ob man sich diesen Abend gönnen möchte.
Dass ich mir diese Frage so stellen kann, ist schon ziemlich großes Glück.
Das Hobby zahlt inzwischen die anderen Hobbys
Ich darf beruflich ziemlich genau das machen, was mich ohnehin interessiert. Mich in Technik verbeißen, Dinge aufbauen, ausprobieren und anderen erklären. Manchmal auch wieder abbauen, weil der erste Versuch zwar lehrreich war, aber nicht funktionierte. IT halt.
Dass zwischen beruflichem Interesse und privater Beschäftigung bei mir keine besonders belastbare Firewall steht, dürfte regelmäßige Leser dieses Blogs wenig überraschen.
Und dafür werde ich auch noch gut bezahlt. So gut, dass neben dem Alltag Platz für Konzerte, Reisen und den einen oder anderen technisch hervorragend begründeten Unfug bleibt. Es geht uns finanziell gut. Wir haben einen Spielraum, den viele andere Menschen nicht haben. Das ist mir bewusst, auch wenn man sich an seinen eigenen Alltag erstaunlich schnell gewöhnt.
Natürlich habe ich für meinen Beruf viel gelernt und gearbeitet. Das tue ich immer noch.
Ich hatte aber auch das Glück, dass ausgerechnet meine Interessen in eine Branche passen, die dafür ordentlich bezahlt. Andere Menschen arbeiten genauso viel und übernehmen Verantwortung, ohne dass ihre Gehaltsabrechnung ähnlich aussieht. Meine Begeisterung für Computer war offenbar auch finanziell ein brauchbarer Zufall.
Man gewöhnt sich erschreckend schnell an die eigene Normalität
Das merke ich besonders beim Konsum. Ein Preis, bei dem man früher noch länger überlegt hätte, wird irgendwann zu „Na gut, ist halt London“. Und schon hat das Gehirn einen kompletten Haushaltsbeschluss durch eine geografische Angabe ersetzt.
Ich freue mich über diese Abende, die Musik und das gemeinsame Erlebnis. Ich muss nur aufpassen, dass aus „Das war es mir wert“ nicht unbemerkt „Das ist doch ein normaler Preis“ wird.
Für mich kann ein teures Ticket eine Entscheidung zwischen zwei schönen Dingen sein. Für jemand anderen fällt diese Entscheidung aus, bevor überhaupt die Sitzplatzkategorie angezeigt wird.
Und „Erlebnisse statt Dinge“ ist natürlich ein wunderbarer Satz. Flug, Hotel und Eintritt hören dadurch trotzdem nicht auf, Konsum zu sein. Die werden nicht plötzlich vernünftig, nur weil das Souvenir diesmal eine Erinnerung ist. Wobei bei mir ja gelegentlich doch noch ein T-Shirt dazukommt.
Ich möchte meinen Maßstab gelegentlich nachjustieren. Auch mal wieder in einen kleinen Club gehen und etwas hören, dessen Namen ich noch nicht seit zwanzig Jahren kenne.
Lieblingsberuf, mit Zukunft bitte
Meinen Beruf möchte ich noch eine Weile gern machen können.
Die Demografie macht vor amerikanischen IT-Unternehmen schließlich ebenso wenig halt wie vor dem Rest der Arbeitswelt. Wir werden älter, Lebenssituationen verändern sich, und manche vermeintlich völlig neue Idee hat man schon einmal gesehen. Meistens mit einem anderen Produktnamen.
Wie bleibt man fachlich dabei? Wie funktioniert Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Generationen? Und wie gestaltet man Arbeit so, dass Begeisterung über viele Jahre tragen kann?
Auch deshalb hoffe ich, dass wir bald einen Betriebsrat haben. Ich arbeite gern in meinem Beruf und möchte, dass Beschäftigte bei der Gestaltung ihres Arbeitsalltags eine verlässliche Stimme haben. Gerade wenn einem die Arbeit wichtig ist, lohnt es sich doch, über ihre Bedingungen zu sprechen.
Ein gutes Gehalt macht einen immer noch zum Arbeitnehmer. Und Freude an Technik ersetzt auf Dauer keine vernünftigen Absprachen darüber, wie man miteinander arbeitet.
Geldsparbuch und Erlebnissparbuch
Und irgendwann möchte ich auch gern aufhören können. In einem gemütlichen Sessel sitzen und hoffentlich ins Grüne schauen. Gesund genug, um das zu genießen. Finanziell ordentlich versorgt, mit einer guten Rente und weiteren Einkünften, damit nicht jede kaputte Waschmaschine zum Krisenprojekt wird.
Geld für später zurückzulegen, ist schon eine vernünftige Idee. Bei der Gesundheit wäre es schön, wenn das ähnlich einfach per Dauerauftrag ginge.
Neben dem Geldsparbuch möchte ich auch ein Erlebnissparbuch füllen. Für die Geschichten, die ich dann im Kopf habe. Momente, bei denen auch fünfzehn oder dreißig Jahre später noch etwas hängen geblieben ist.
Mein erster Gin Tonic zum Beispiel. Dubai, Hyatt Regency, 2010. Oder Brings in Bergisch Neukirchen, ungefähr 1996. Das sind solche Einträge, die offenbar bleiben.
Und mein erstes Sushi: Köln, am 11.11., ungefähr 1998. Ich war in der Veranstaltungstechnik unterwegs und habe eine Sitzung begleitet. Vorher waren wir mit der Crew Sushi essen. Wir waren zum Arbeiten da, ringsum wurde das kölsche Brauchtum gepflegt, und ich lernte zwischendurch japanisches Essen kennen. Lokale Maloche, Karneval und Sushi: Diese Kombination hatte ich für meinen Lebenslauf vermutlich nicht ausdrücklich vorgesehen.
Was das damals jeweils gekostet hat, ist für die Erinnerung ziemlich nebensächlich geworden.
Eine Einzahlung kann auch ein Gespräch mit einem Kunden sein. Gemeinsam ein Problem auseinandernehmen, irgendwann macht es klick, und aus einem Termin wird ein Austausch, an den man gern zurückdenkt. Manche guten Erinnerungen entstehen einfach an einem ganz gewöhnlichen Dienstag.
Natürlich lässt sich damit fast jede Konzertbuchung nachträglich als Altersvorsorge deklarieren. Ich kenne mich da gut genug. „Für später“ ist schließlich eine hervorragende Begründung, wenn man etwas unbedingt jetzt haben möchte.
Trotzdem steckt für mich etwas darin: Ich möchte später finanziellen Rückhalt haben und bis dahin auch gelebt haben. Gesundheit gehört dazu, Zeit mit Menschen und Dinge, auf die man sich freut. Dass ich heute sowohl vorsorgen als auch solche Momente sammeln kann, ist ein großer Teil des Glücks, um das es hier geht.
Ich versuche nur, „Das kann ich mir leisten“ künftig etwas seltener mit „Das ist ganz normal“ zu verwechseln. Und beim Erlebnissparbuch daran zu denken, dass die beste Einzahlung nicht unbedingt die teuerste ist.
Heiter weiter!
C.
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