Eigentlich ist die Sache erledigt. Meine Nomos läuft wieder ordentlich, nachdem ich ihr mit Zeitwaage und Entmagnetisierer ihren etwas übereifrigen Umgang mit der Zeit abgewöhnt habe. Ich trage sie jeden Tag. Ich freue mich jeden Tag daran. Eine zweite Uhr brauche ich also wirklich nicht.
Das ist bekanntlich eine hervorragende Ausgangslage, um sich mit einer zweiten Uhr zu beschäftigen.
Mein Chef hat sich, grob gesagt, alle zehn Jahre eine neue Uhr gegönnt. Zu einem runden Jubiläum, einem dieser Anlässe, an denen man feststellt, dass inzwischen erstaunlich viel Zeit vergangen ist. Die Idee ist hängen geblieben.
Eine Uhr als Erinnerung an einen Abschnitt. Meine Nomos funktioniert genau so: erster Vertriebsbonus bei Astaro, damals gekauft, seitdem am Arm. Den Bonus hätte ich längst vergessen. Die Uhr erinnert mich jeden Tag daran.
Vielleicht müsste eine mögliche nächste Uhr also gar kein Problem lösen. Vielleicht bräuchte sie einfach irgendwann einen guten Anlass.
Möglichst viel Uhr. Möglichst wenig Ansage.
Optisch bin ich leider ziemlich festgelegt. Ich mag die Ruhe der Nomos. Klares Zifferblatt, gute Proportionen, wenig Gedöns. Kein Cockpit, kein Tresor fürs Handgelenk und möglichst nichts, das schon vom Nachbartisch aus „GUCK MAL!“ ruft. Beim Armband ähnlich: schlichtes, mattes Leder. Keine Krokodilparade.
Trotzdem werde ich gern darauf angesprochen. Klingt widersprüchlich, ist es aber nur ein bisschen. Ich mag Gegenstände, bei denen jemand genauer hinsieht und fragt: „Moment, was ist das denn?“ So wie bei meiner Tangomat oder dem Whoop. Ein kleiner Gesprächsöffner für Menschen, die sich für ähnliche Dinge begeistern. If you know, you know.
Wobei „Ich möchte ein dezentes Statussymbol“ natürlich immer noch das Wort Statussymbol enthält. So viel Ehrlichkeit muss sein. Mein innerer Hanseat hätte bloß gern, dass man den Preis nicht vom Nachbartisch ablesen kann.
Nach der Magnetisierungsgeschichte kam noch eine Frage dazu: Geht diese unaufgeregte Optik auch mit einer Präzision, über die man praktisch nicht mehr nachdenken muss?
Quarz? Ernsthaft?
In meinem Kopf war die Sortierung lange ungefähr so: Mechanik ist faszinierend. Quarz zeigt halt die Zeit an. Dann bin ich über High Accuracy Quartz gestolpert. Offenbar kann man auch einen Quarz mit erheblichem Aufwand zum Streber erziehen.
Grand Seiko nennt für seine 9F-Werke maximal zehn Sekunden Abweichung pro Jahr. Bei The Citizen gibt es Modelle mit fünf Sekunden. Pro Jahr. Ohne per Funk oder GPS nachzufragen. Meine Nomos hatte vor dem Entmagnetisieren fünf Minuten pro Woche vorgelegt. Ein etwas anderer Ehrgeiz.
„Fast eine Atomuhr am Arm“ ist als Pointe hübsch, technisch aber übertrieben. Hochpräziser Quarz hält die Zeit selbst; eine Funkuhr holt sich ihre Referenz von außen. Die Junghans max bill MEGA Solar verbindet Letzteres mit ziemlich schöner Schlichtheit.
Und da war doch was: Schon auf meiner Wunschliste von 2008 stand eine max bill Automatik, damals schlicht als „schicke Automatikuhr von Junghans“. Um diese Uhr schleiche ich also seit fast zwanzig Jahren herum. Das dürfte als Bedenkzeit langsam reichen. Vielleicht zum Fünfzigsten? Bis dahin kann ich mir noch überlegen, welches Werk darin ticken soll. Beim Design bin ich offenbar schon lange fertig.
Und dann steht eine zurückhaltende Grand Seiko SBGX263 mit 2.700 Euro auf der Herstellerseite. Für eine Quarzuhr. Meine innere Stimme „Ist doch nur Quarz!“ hat inzwischen etwas leiser zu sprechen gelernt.
Dann kam Hamburg. Und der Preis wurde sehr unhanseatisch.
Bei schlichten Uhren aus Hamburg kommt man schnell bei Sternglas vorbei: Die dort gestaltete Naos Solar kostet 299 Euro und gefällt mir durchaus. Sie ist allerdings keine dieser extremen Präzisionsuhren. Die Hamburger Manufaktur, bei der ich dann länger hängen blieb, heißt Hentschel.
Die H1 CHRONOMETER Automatik trifft einen Nerv: ruhiges Zifferblatt, feine Zeiger, knapp vier Zentimeter Durchmesser, Lederband nach Wahl. In Hamburg handgefertigt. Dazu eine persönliche Fotodokumentation ihrer Entstehung. Eine Uhr mit eigener Geschichte, bevor ich überhaupt meine damit anfange.
Das ist ziemlich genau die Sorte Gegenstand, bei der ich auf ein neugieriges „Was ist das denn?“ hoffe. Hell, schlicht, an einem matten dunklen Lederband. Ich müsste dafür allerdings erst einmal am Preisschild vorbeikommen.
Auf der Produktseite stehen 10.980 Euro als Einführungspreis für die ersten fünf Exemplare. Also eine Größenordnung von elftausend Euro; den tatsächlichen Preis müsste man anfragen. Hanseatisches Understatement heißt offenbar, dass nur die Uhr bescheiden auftritt.
Da hilft auch kein „Die hält ja lange“. Meine vorhandene Uhr hält ebenfalls lange. Das ist gerade ein wesentlicher Teil des Problems.
Chronometer ist nicht gleich magnetfest
Technisch bleibt es spannend. Hentschel nennt Siliziumtechnik und eine eigene Prüfung über 1.000 Stunden in sechs Lagen. Ein langer Prüfprozess, aber auf der Produktseite weder eine konkrete Magnetfeldgrenze noch eine unabhängige COSC- oder METAS-Zertifizierung. Das würde ich vor einer solchen Anschaffung genauer wissen wollen.
Denn „Chronometer“ und „Magnetfelder sind mir egal“ sind zwei verschiedene Dinge. Bei der klassischen mechanischen COSC-Prüfung liegt ein zentraler Grenzwert für den mittleren täglichen Gang bei minus vier bis plus sechs Sekunden. Das ist ordentlich. Fünf Sekunden pro Jahr sind es trotzdem nicht.
Die Omega Seamaster Aqua Terra als Master Chronometer ist da der interessante Gegenpol: geprüft auf Magnetfelder bis 15.000 Gauß. Nach meiner Nomos-Geschichte ein ausgesprochen sympathisches Datenblatt. Optisch ist die 41-Millimeter-Uhr am Stahlband für mich allerdings präsenter und sportlicher. Technisch reizvoll, am Handgelenk eine andere Aussage.
Die Hentschel spricht also eher meinen Sinn für Gestaltung und Geschichten an. Die Omega meinen Wunsch, dass Technik bitte einfach zuverlässig funktionieren möge. Und die Nomos sitzt daneben und fragt sich vermutlich, ob ich noch alle Zahnräder im Gehäuse habe.
Auch analoge Quarzuhren sind übrigens nicht grundsätzlich immun gegen Magnetfelder. „Kaufe Quarz, dann ist Physik abgeschafft“ wäre zu einfach gewesen.
Der Sekundenzeiger als Gesprächseinstieg
Zwei andere Empfehlungen haben sich ebenfalls festgesetzt. Bei der Grand Seiko SBGY007 „Omiwatari“ gleitet der Sekundenzeiger gleichmäßig über das Zifferblatt. Spring Drive verbindet die Energie einer aufgezogenen Feder mit elektronischer Quarzregelung. Angegeben sind maximal 15 Sekunden Abweichung im Monat. Mich fasziniert daran mindestens genauso sehr, wie die Zeit aussieht, wenn sie einfach fließt.
Die Habring² Erwin macht gewissermaßen den umgekehrten Witz: eine mechanische Uhr, deren Sekundenzeiger einmal pro Sekunde springt. Wie bei einer gewöhnlichen Quarzuhr. Da betreibt jemand erheblichen mechanischen Aufwand, damit es auf den ersten Blick nach wenig mechanischem Aufwand aussieht.
Das ist schon sehr mein Humor. Und vermutlich ein hervorragender Gesprächseinstieg. Vorausgesetzt, der andere ist noch da, wenn ich mit der Erklärung fertig bin.
Vielleicht ist der Anlass die eigentliche Komplikation
Eine konkrete Kaufentscheidung ist das alles noch nicht. Dafür müsste ich die Uhren erst einmal am Arm sehen. Auf Produktbildern kann ich mir erstaunlich viel schönreden. Im Alltag muss eine Uhr dann gegen die antreten, die ich schon liebe.
Aber den Gedanken meines Chefs mag ich. Nicht jedes Jahr etwas Neues. Vielleicht zu einem runden Jubiläum etwas Bleibendes. Ein Gegenstand, der später nicht nur anzeigt, wie spät es ist, sondern auch daran erinnert, was damals war.
Das wäre dann auch eine kleine Einzahlung ins Erlebnissparbuch. Wobei das Geldsparbuch die Anschaffung vermutlich zunächst etwas anders einordnet.
Bis dahin trage ich die Nomos. Sie muss sich ihren Platz noch mit niemandem teilen. Die Apple Watch kann derweil schon mal erklären, wie das ist, wenn man technisch sehr viel kann und trotzdem auf dem Schreibtisch liegt.
Heiter weiter!
C.
Preise und Herstellerangaben: Stand Oktober 2026. Titelbild: KI-generierte Illustration, keine Produktfotografie.
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